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  • Vorsicht: Wechselwirkungen!

    Segen oder Fluch der Meinungsbefragungen

    (29.07.2011) Der Mensch wollte schon immer wissen, was die Zukunft bringt. Im Altertum wurde das Orakel befragt. Seher, Propheten und Sterndeuter versuchten, die Zukunft vorauszusagen. Dann folgten Kaffeesatzleser, Kartenlegerinnen, Handlesekünstler, Astrologen und andere berufsmäßige Wahrsager. Sie treiben im persönlichen Bereich auch heute noch ihr obskures Unwesen und finden selbst in unseren aufgeklärten Zeiten noch Kunden.

Ansonsten hat man sich zwar längst von dem fatalistischen Aberglauben verabschiedet, dass die Zukunft bereits vorgegeben sei, aber man versucht, die Veränderungen in der Vergangenheit als Trend in die Zukunft fortzuschreiben und so zu Zukunftsprognosen zu kommen. Zukunftsforschung in den unterschiedlichsten Bereichen sind längst anerkannte Wissenschaften. Natürlich sind langfristige Prognosen wegen der Unwägbarkeiten immer noch relativ ungenau, aber kurzfristige Vorhersagen sind doch erstaunlich präzise und treffsicher. Das können wir nicht nur bei der täglichen Wettervorhersage feststellen, sondern auch bei Wahlvoraussagen der Meinungsbefragungsinstitute. Woran wir in NL 7/11, Seite 1, erinnert wurden, gibt es allein sechs solcher demoskopischer Institute auf Bundesebene. Sie betreiben meist keine wissenschaftliche Grundlagenforschung, sondern sind kommerzielle Unternehmen und wollen mit den von ihnen ermittelten und hochgerechneten Befragungsergebnissen Geld verdienen. Per Mausklick kann man den aktuellen Stand der Wählergunst abfragen. Er kommt auch unangefordert wöchentlich per Fernsehen frei Haus – „wenn heute gewählt werden würde…“Als Partei weiß man recht genau, wo man in der Wählergunst steht und kann eventuell entsprechend darauf reagieren.

 Die Sache hat allerdings einen Haken. Es besteht nämlich auch eine Wechselwirkung zwischen den veröffentlichten Zahlen und deren Veränderungen eben durch die Veröffentlichung. Natürlich würden die demoskopischen Institute jede gewollte Meinungsmanipulation weit von sich weisen mit dem Argument, wir veröffentlichen ja keine eigene Meinung, sondern nur die Meinung der Wähler. Doch solange nicht die tatsächlichen Wahlergebnisse auf dem Tisch liegen, wäre Missbrauch zwischen den Wahlen zumindest möglich. Diese bloße Möglichkeit soll hier aber außer Betracht bleiben. Sie hat früher dazu geführt, dass kurz vor Wahlen keine Vorhersagen veröffentlicht wurden. Die erwünschte Nebenwirkung ist aber auch ohne Missbrauch gegeben. Steigt z.B., wie in der Vergangenheit geschehen, durch das allwöchentliche Politbarometer und durch die hypothetische Frage, wenn heute schon Wahl wäre… die ermittelte Wählergunst für die Grünen und sinken gleichzeitig die entsprechenden Werte für die FDP, dann kann das quasi zum unbewussten Selbstläufer werden, wie ähnlich das Geschehen an der Börse.

 Der Mensch ist evolutionsgeschichtlich ein Herdentier. In der Horde hatte der Einzelne eine größere Überlebenschance. Eine Anpassung an die Gruppe war die logische Folge. Der Gruppendruck lässt Individualisten nur einen schmalen Spielraum. Sprache, Riten, Religion, Brauchtum bis hin zur Kleidung wurde von der Gruppe vorgegeben. Das ist auch heute nicht viel anders. Ändern sich diese Vorgaben der Gruppe, passen sich auch einzelne Gruppenmitglieder der Veränderung an, ohne lang darüber nachzudenken. Das hatte z.B. schon der spanische Philosoph Ortega Y Gasset („Psychologie der Massen“) festgestellt. 


 Wahlen werden ohnehin überwiegend emotional, also nach dem Bauchgefühl – und eben nicht oder nur zu geringerem Teil rational entschieden. Da übt eine allgemeine Stimmungsveränderung in der Gesellschaft eine enorme Wirkung aus. Was kann man gegen diese unerwünschte Nebenwirkung tun? Man müsste permanente Veröffentlichung der Wählergunstzahlen untersagen bis unmittelbar nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr des Wahltages. Aber das geht natürlich nicht. Die permanente Demoskopie ist nicht mehr wegzudenken. Wir müssen mit ihr leben, aber immer wieder unseren Charakter als Herdentier hinterfragen – sind wir in dieser oder jener Frage tatsächlich „zur Herde“ gehörig – oder sind wir es noch nicht bzw. schon nicht mehr. 

Wolfgang Weyell

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